Allergien; Foto: © mkrberlin/fotolia
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Heuschnupfen und Homöopathie

Dr. med. M. Berger - Mai 2022

Die in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf den Quellennachweis am Ende des Beitrages.

Die einen freuen sich über den Frühling mit den wundervoll blühenden Pflanzen – für andere beginnt dann eine leidvolle Zeit: Der Heuschnupfen plagt gerade in diesen Wochen viele Betroffene, zum Teil erheblich.

Immerhin sind in Deutschland rund 12 Millionen Menschen vom Heuschnupfen betroffen, Tendenz steigend. Von der Zunahme der Erkrankung sind ins-besondere Kinder unter sechs Jahren betroffen: Heuschnupfen ist eine der häufigsten Erkrankung im Kindes - und Jugendalter (1, 2, 3, 4) .

Auslöser

Trotz der hohen Zahl Erkrankter und umfangreichen Bemühungen, dem Leiden auf die Spur zu kommen, sind die Ursachen und Wirkzusammenhänge allergischer Erkrankungen, wie Asthma bronchiale, Neurodermitis, Nesselsucht und eben die des Heuschnupfens bislang nur unvollständig verstanden. Dass eine genetische Prädisposition eine wichtige Rolle spielt, ist unbestritten. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Umweltfaktoren scheint sich dann die Krankheit nach individuellen Mustern auszubilden. Dabei spielt u.a. die Ernährung, die (fehlende) Exposition gegenüber Krankheitserregern, die Inhalation von Schadstoffen (Nikotin, Verkehr) eine Rolle. Zunehmend rückt auch das menschliche Mikrobiom (z.B. Darmflora) in den Blick (1, 5, 6).

Mikrobiom

Die Qualität des Mikrobioms scheint auch mit der Hygiene im (häuslichen) Umfeld zusammenzuhängen. Kinder aus sozial besser gestellten Familien erkranken häufiger an Heuschnupfen. Vermutet wird ein negativer Einfluss einer verbesserten Hygiene (6). Anders herum: Die Exposition gegenüber verschiedenen Umweltfaktoren (Bakterien, Viren, Parasiten, potentielle Allergene) scheint das Mikrobiom zu fordern und zu fördern - die Diversität des Mikrobioms nimmt zu. In Studien ist die erhöhte Diversität gekoppelt an ein geringeres Risiko allergisch zu erkranken (5, 8, 9).


Dem gegenüber wurde früher die These vertreten, Kinder, insbesondere Kinder mit einer familiären Prädisposition für allergische Erkrankungen, sollten in den ersten Lebensmonaten in einer allergenarmen Umgebung aufwachsen (keine felltragenden Tiere, keine Kuhmilch, kein Fisch, keine Erdnüsse etc.). Heute gilt das Gegenteil. Studien haben gezeigt: Kinder, die im Umfeld von Bauernhöfen aufwachsen, haben ein geringeres Risiko für allergische Erkrankungen. Auch für diesen Zusammenhang wird postuliert, dass durch die frühe Exposition gegenüber verschiedensten Stoffen (und Erregern) die Diversität des Mikrobioms erhöht wird. Das scheint sich als Schutzfaktor gegenüber Allergien auszuwirken (5, 8, 9)


Weitere Studien konnten zeigen, dass Kinder, die per Kaiserschnitt geboren wurden, ein höheres Risiko für die Entwicklung von allergischen Erkrankungen haben. Es wird vermutet, dass die Besiedlung des Darms bei einer vaginalen Entbindung vollständiger verläuft und dass wiederum die Diversität der Darmflora bei der Entbindung per Kaiserschnitt geringer ausfällt (1, 5, 7).


Einen Einfluss auf die mikrobielle Diversität und damit auch auf die Entwicklung allergischer Erkrankungen hat auch eine frühe Antibiotikabehandlung von Kindern. Antibiotika zerstören bekanntlich nicht nur krankmachende Erreger, sondern auch die des eigenen Mikrobioms (10). Umso früher die Kinder antibiotisch behandelt werden, umso höher ist die Inzidenz allergischer Erkrankungen (insbesondere Asthma bronchiale). Bei Behandlung innerhalb der ersten sechs Lebensmonate ist das Allergierisiko um das Vierfache erhöht (5, 11).

Medikamente; Foto: ©monropic/fotolia

Allergieprävention

Stillen Adobe Stock 291472203
Stillen Adobe Stock 291472203

Die Präventionsempfehlungen, um schon die Ausbildung einer allergischen Erkrankung möglichst zu verhindern, haben sich in den vergangenen Jahren komplett verändert. Galt es noch bis vor einigen Jahren, die frühe Exposition gegenüber potentiellen Allergenen zu vermeiden (z.B. Kuhmilch, Fisch, Erdnüsse, Hühnerei), gelten heute folgende Präventionsempfehlungen (1,7):

  • Stillen, möglichst zumindest bis zum einschließlich vierten Lebensmonat.
  • Im fünften Lebensmonat Beginn der Beikostfütterung. Aus Gründen der Allergieprävention diese weiter zu verzögern, gilt heute als obsolet. Studien weisen darauf hin, dass regelmäßiger Fischkonsum, durch die Mutter in der Schwangerschaft und durch das Kind im ersten Lebensjahr, einen gewissen schützenden Effekt aufweist. Eine fleischarme mediterrane Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft (Fisch, Olivenöl, frisches Gemüse, Cerealien, Nüsse) kann das Allergierisiko senken. In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch Übergewicht des Kindes als Risiko für die Entstehung einer allergischen Erkrankung (insbesondere Asthma bronchiale) gilt.
  • Bei Kindern ohne familiäres Risiko erhöht die Haltung von Haustieren nicht das Allergierisiko. Bei familiärer Allergiedisposition sollte (möglicherweise) auf Katzen im Haushalt verzichtet werden. Hundehaltung wiederum ist nicht mit einem höheren Risiko für die Ausbildung einer Allergie verbunden.
  • Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, haben ein erhöhtes Allergierisiko. Hier ist eine präventive Behandlung (z.B. Probiotika, konstitutionell homöopathische Behandlung) angezeigt.

  • Die Einnahme von Probiotika während der zweiten Hälfte der Schwangerschaft könnten die Entwicklung von Allergien bremsen. Die Studienbefunde sind jedoch nicht einheitlich und gelten nicht für alle Probiotika.
  • Und ganz wichtig: In Schwangerschaft und Kindheit ist die Exposition gegenüber Nikotin (Passivrauchen) unbedingt zu vermeiden.

    Pharmakologische Behandlung (12)

    Antihistaminika


    So genannte Antihistaminika können die Symptome des Heuschnupfens wirksam lindern. Insbesondere dann, wenn die Zeitspanne der Beschwerden relativ kurz ist. Sie sind teilweise rezeptfrei in der Apotheke zu erwerben.


    Der pharmakologische Effekt von Antihistaminika kommt durch die Blockierung von so genannten Histaminrezeptoren zu Stande. Histamin ist der Stoff (Mediator), der beim Heuschnupfen die Entzündungsreaktion in die Wege leitet.


    Antihistaminika der ersten Generation haben zusätzlich weitere Wirkungen, unter anderem im Zentralen Nervensystem, so dass sie wegen ihrer dämpfenden Wirkung als Schlafmittel, als Beruhigungsmittel und als Mittel gegen Reisekrankheit eingesetzt werden. Die heute gegen Heuschnupfen eingesetzten neueren Antihistaminika lösen weniger stark Müdigkeit aus (z.B. Loratidin), obwohl dieser Effekt bei einigen Betroffenen noch deutlich spürbar ist (z.B. bei Ceterizin). Im Vergleich mit den älteren Präparaten ist allerdings auch der Juckreiz stillende Effekt weniger ausgeprägt. Als häufige unerwünschte Wirkung (bis max. 10%) sind Müdigkeit, Trockenheit von Mund und Nase sowie bei Kindern die Ausbildung von Nervosität gelistet. Kopfschmerz gilt als sehr häufige Nebenwirkung (öfter als 10%).


    Wie für andere herkömmliche Medikamente gilt auch für Antihistaminika, dass die Beschwerden gelindert werden können, sie aber keinerlei Einfluss auf die Entwicklung der Erkrankung haben.


    Cortisonhaltige Nasensprays


    Alternativ zum Einsatz von Antihistaminika werden bei Heuschnupfen auch cortisonhaltige Nasensprays verordnet. Einige sind für Erwachsene auch rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.


    Sie können angezeigt sein, sofern die Symptome die Nase betreffen (Verstopfung, laufende Nase, Niesen, Jucken). Augensymptome beispielsweise werden nicht oder kaum beeinflusst. Auch lokal als Nasenspray angewandtes Cortison entfaltet systemische Wirkung im Organismus. Dies kann insbesondere bei Kindern und bei längerer Anwendung zum Tragen kommen. Es ist nachgewiesen, dass regelmäßig appliziertes Cortison sich negativ auf das Wachstum auswirkt. Besondere Vorsicht ist geboten, sofern das Kind auch aus anderen Gründen, z.B. wegen einer anderen allergischen Erkrankung, Cortison einnimmt. Die Fachinformationen einiger cortisonhaltiger Nasensprays empfehlen eine Begrenzung des Einnahmezeitraums auf maximal drei Monate.


    Weitere typische Nebenwirkungen durch die Anwendung cortisonhaltiger Nasensprays sind die Entwicklung einer Trockenheit der Nasenschleimhaut, Beeinträchtigung von Geschmack und Geruch und insbesondere Nasenbluten.

    Homöopathische Behandlung

    Glob Hand
    Glob Hand

    Wie immer in der Homöopathie kommt es darauf an, für die jeweils individuelle Ausprägung der Beschwerden ein passendes Arzneimittel zu finden. Gelingt das, ist der Erfolg häufig frappierend. Wer einmal ein passendes homöopathisches Arzneimittel für die akute Episode seines Heuschnupfens gefunden hat, darf beruhigt davon ausgehen, dass es auch im nächsten Jahr wieder helfen wird.


    Der Erfolg einer homöopathischen Behandlung bei Heuschnupfen ist besonders gut in Studien dokumentiert (Zusammenfassung der Studienlage siehe 13):


    a.
    Eine Zusammenfassung berichtet über 11 Studien mit insgesamt 1.083 Patient*innen mit Heuschnupfen. Die Ergebnisse der Studien sind weitgehend übereinstimmend: Die Erfolgsrate von circa 80 % ist vergleichbar mit der konventioneller Medikamente (Antihistaminika). Es traten keine Nebenwirkungen bei den homöopathisch behandelten Patient*innen auf (14).


    b.
    In einer weiteren randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie wurden 144 Patient*innen entweder mit einem homöopathischen Mischpräparat oder Placebo behandelt. Homöopathisch behandelte Patient*innen mit Heuschnupfen hatten eine statistisch signifikante Verminderung ihrer Beschwerden. Der Bedarf an antiallergischen Medikamenten (Antihistaminika) konnte halbiert werden (15).


    c.
    Während eine Langzeitstudie in Italien wurden Kinder von Fachärzt*innen homöopathisch qualifiziert mit Einzelmitteln behandelt. Ausgewertet wurden die Daten von Kindern mit Neurodermitis, Asthma bronchiale und Heuschnupfen, deren Beschwerden zumindest bei einer zweiten Untersuchung nach wenigstens zwei Monaten mit Hilfe einer Symptomenskala bewertet werden konnte. Bei 75,8 % der Kinder mit einer der oben sog. atopischen Krankheiten kam es zu einer mäßigen bis deutlichen Verbesserung (Heuschnupfen und Neurodermitis über 80 %, über 65 % bei Asthma bronchiale). Auch bei Nachuntersuchungen 5-10 Jahre später konnten bei vielen Kindern wenige bis keine Beschwerden mehr beobachtet werden (16).


    d.
    Health Technology Assessment - Berichte bewerten systematisch medizinische Verfahren und Technologien mit Bezug zur gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung. Der Schweizer Bericht „Nationales Programm zur Evaluation in der Komplementärmedizin (PEK)“ war die Grundlage für die Übernahme der Homöopathie in die Grundversorgung des Versichertensystems in der Schweiz. Von 29 Studien zu Infektionen der Atemwege und Allergien zeigen 22 Studien positive Ergebnisse zu Gunsten einer Wirksamkeit der Homöopathie (17).



    Wir haben bei www.homoeopathie-heute.de mehrfach über die homöopathische Behandlung bei Heuschnupfen berichtet:


    Im „Online-Ratgeber“ das passende Arzneimittel finden:

    www.homoeopathie-heute.de/online-ratgeber/heuschnupfen


    Beitrag: „Homöopathie bei Heuschnupfen“

    www.homoeopathie-heute.de/aktuelles-archiv/2017/homoeopathie-bei-heuschnupfen/?q=heuschnupfen


    Beitrag: „Heuschnupfen – Allergie, Atopie und Behandlung“

    www.homoeopathie-heute.de/aktuelles-archiv/2009/februar-2009-heuschnupfen-allergie-atopie-und-behandlung/?q=heuschnupfen


    Weitere hilfreiche Beiträge finden Sie, wenn Sie in der Suchfunktion (Lupe in der Navigationsleiste oben rechts) auf der Startseite von www.homoeopathie-heute.de das Stichwort „Heuschnupfen“ eingeben.

    Quellen

    (1) Schwerk, Hansen: Monatsschr Kinderheilkd. 2014, 162:511–517

    (2) Beerheide: RKI warnt vor einem „Tsunami“Deutsches Ärzteblatt, Jg. 114, Heft 26, 30. Juni 2017

    (3) Haftenberger et al: Prävalenz von Sensibilisierungen gegen Inhalations- und Nahrungsallergene. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 2013, 56:687–697

    (4) Langen et al: Häufigkeit allergischer Erkrankungen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 2013, 56:698–706

    (5) Ohnmacht et al: Kann die Darmflora Allergien verhindern? Perspektiven der Pneumologie und Allergologie 2/2016, Deutsches Ärzteblatt

    (6) Strachan: Hay fever, hygiene, and household size. Bmj 1989; 299: 1259–60

    (7) S3-Leitlinie Allergieprävention - Update 2014; Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ); www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/061- 016l_S3_Allergieprävention_2014-07-abgelaufen.pdf

    (8) Cahenzli et al: Intestinal microbial diversity during early-life colonization shapes long- term IgE levels. Cell host & microbe 2013; 14: 559–70.

    (9) Ege et al.: Exposure to environmental microorganisms and childhood asthma. The New England journal of medicine 2011; 364: 701–9.

    (10) Berger: Europäischer Antibiotika-Tag 2018 - Experten schlagen Alarm www.homoeopathie-heute.de/informiert-entscheiden/2018/europaeischer- antibiotika-tag-2018-experten-schlagen-alarm/

    (11) Örtqvist et al: Antibiotics in fetal and early life and subsequent childhood asthma: nationwide population based study with sibling analysis. BMJ 2014; 349

    (12) arznei-telegramm, Die Information für Ärzte und Apotheker, Neutral, unabhängig und anzeigenfrei. www.arznei-telegramm.de/01inde...

    (13) Berger: Wirksamkeit der Homöopathie in Studien - Übersicht und Beispiele www.homoeopathie-heute.de/aktuelles-archiv/2020/wirksamkeit-der- homoeopathie-in-studien-uebersicht-und-beispiele/

    (14) Lüdtke et al: A meta-analysis of homeopathic treatment of pollinosis with Galphimia glauca. Wien Med Wochenschr. 1997;147(14):323-7.

    (15) Reilly et al: Is homoeopathy a placebo response? Controlled trial of homoeopathic potency, with pollen in hayfever as model. Lancet. 1986 Oct 18;2(8512):881-6.

    (16) Rossi et al: Homeopathic therapy in pediatric atopic diseases: short- and long-term results. Homeopathy. 2016 Aug;105(3):217-224. Homeopathy. 2016 Aug;105(3):217- 224.

    (17) Melchart et al: Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK), Abschlussbericht. Bern 2005 www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/kuv-aufsicht/stat/rapports-de- recherche/programm-evaluation-komplementaermedizin- pek.pdf.download.pdf/Programm%20Evaluation%20Komplement%C3%A4rmedizin%2 0(PEK).pdf.

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